die deutsche Vergangenheit

Es ist schon seltsam wie unerwartet sich manche Dinge im Ausland verändern.

Wenn es Menschen gibt, die „stolz“ sind, „ein Deutscher zu sein“, dann habe ich garantiert nie dazu gehört. Mit der Begründung man könne nicht auf etwas stolz sein, dass mit der eigenen Leistung gar nichts zu tun hat.

Nie hätte ich gedacht, dass ich mal Saft vor dem trinken umdrehen würde, nur um mich bestätigt zu wissen, dass Sunkist eigentlich deutsch ist, und selbiges anschließend stolz zu verkünden. Dass ich von deutscher Hausbauweise, dem deutschen Sozialsystem, ja, sogar von deutschen Autos mit angeschwellter Brust erzählen würde.

Als WIR die Fußballweltmeisterschaft gewonnen haben, hab ich mich zum ersten Mal richtig isoliert gefühlt.

Und trotzdem bleibt da a Gschmäckle. Wenn der Erzbischof von Canterbury (den ich vorgestern getroffen habe) von seinem Schwerpunkt der Versöhnung v.a. mit Deutschland erzählt, kann ich nicht anders als mich ein bisschen komisch zu fühlen.

Die Einwohner Bristols reden vom „Blitz“, wenn sie die großflächige Zerstörung Bristols zwischen dem 24. November 1940 und dem 11. April 1941 meinen. Noch heute sind die Spuren zu sehen, z.B. in einer ausgebombten Kirche nahe des Stadtzentrums, die nach jahrelanger Debatte als Mahnmahl belassen wurde. Noch heute gibt es die Betroffenen und Angehörige derselben – Menschen, die mit Deutschland Krieg verbinden.

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Vor einiger Zeit habe ich bei einer Gemeindeveranstaltung eine alte Frau getroffen, die mir zuerst voller Begeisterung erzählt hat, dass sie Deutsche sei, sich danach als kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs nach GB geflüchtete Jüdin entpuppte.

Bei einer anderen, sehr skurrilen Begegnung mit einem Mann, der mir an der Haustür irgendwas verkaufen wollte reagierte selbiger auf die Info, dass ich deutsch sei damit, fröhlich und lautstark die erste Strophe der Nationalhymne zu trällern. Nachdem ich die Straße hoch- und runtergeschaut hatte, war meine erschreckte Antwort: „You better NEVER sing THAT in Germany!“

Versöhnung mit Deutschland –eine Aufgabe, die ich entgegen meiner Erwartungen für notwendig halte! Und zwar nicht, weil ich Deutschland als schuldig empfinden würde! Sondern weil ich den Eindruck habe, dass es auf englischer Seite noch etwas aufzuarbeiten gibt.
Als sich dieses Jahr der Erste Weltkrieg gejährt hat, war das hier ein verhältnismäßig großes Ereignis. Im englischen Bewusstsein trauert man darum, dass im Ersten Weltkrieg völlig grundlos so grausam gekämpft wurde. Der Zweite Weltkrieg tritt dagegen in den Hintergrund. Allgemein wird er im Vergleich als viel eher gerechtfertigt empfunden. England wurde schließlich zu Unrecht angegriffen und hat sich nur gegen Deutschland verteidigt. Welch großes völkerrechtliches Verbrechen hinter der Ideologie der Nazis steckte, was zu dieser Zeit abgesehen vom Krieg in ganz Europa nicht nur in den KZs passiert ist, und warum auch England sich mitschuldig gemacht hat, allein, weil es nichts gegen diese Verbrechen an der Menschlichkeit unternommen hat, dessen ist man sich hier nicht bewusst.

Stolz darauf, aus Deutschland zu stammen – das kann ich nur dann wirklich sein, wenn die Vergangenheit Deutschlands und Englands auch hier vollständig bearbeitet ist.

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