Montag, 15. September 2014

die deutsche Vergangenheit

Es ist schon seltsam wie unerwartet sich manche Dinge im Ausland verändern.

Wenn es Menschen gibt, die „stolz“ sind, „ein Deutscher zu sein“, dann habe ich garantiert nie dazu gehört. Mit der Begründung man könne nicht auf etwas stolz sein, dass mit der eigenen Leistung gar nichts zu tun hat.

Nie hätte ich gedacht, dass ich mal Saft vor dem trinken umdrehen würde, nur um mich bestätigt zu wissen, dass Sunkist eigentlich deutsch ist, und selbiges anschließend stolz zu verkünden. Dass ich von deutscher Hausbauweise, dem deutschen Sozialsystem, ja, sogar von deutschen Autos mit angeschwellter Brust erzählen würde.

Als WIR die Fußballweltmeisterschaft gewonnen haben, hab ich mich zum ersten Mal richtig isoliert gefühlt.

Und trotzdem bleibt da a Gschmäckle. Wenn der Erzbischof von Canterbury (den ich vorgestern getroffen habe) von seinem Schwerpunkt der Versöhnung v.a. mit Deutschland erzählt, kann ich nicht anders als mich ein bisschen komisch zu fühlen.

Die Einwohner Bristols reden vom „Blitz“, wenn sie die großflächige Zerstörung Bristols zwischen dem 24. November 1940 und dem 11. April 1941 meinen. Noch heute sind die Spuren zu sehen, z.B. in einer ausgebombten Kirche nahe des Stadtzentrums, die nach jahrelanger Debatte als Mahnmahl belassen wurde. Noch heute gibt es die Betroffenen und Angehörige derselben – Menschen, die mit Deutschland Krieg verbinden.

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Vor einiger Zeit habe ich bei einer Gemeindeveranstaltung eine alte Frau getroffen, die mir zuerst voller Begeisterung erzählt hat, dass sie Deutsche sei, sich danach als kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs nach GB geflüchtete Jüdin entpuppte.

Bei einer anderen, sehr skurrilen Begegnung mit einem Mann, der mir an der Haustür irgendwas verkaufen wollte reagierte selbiger auf die Info, dass ich deutsch sei damit, fröhlich und lautstark die erste Strophe der Nationalhymne zu trällern. Nachdem ich die Straße hoch- und runtergeschaut hatte, war meine erschreckte Antwort: „You better NEVER sing THAT in Germany!“

Versöhnung mit Deutschland –eine Aufgabe, die ich entgegen meiner Erwartungen für notwendig halte! Und zwar nicht, weil ich Deutschland als schuldig empfinden würde! Sondern weil ich den Eindruck habe, dass es auf englischer Seite noch etwas aufzuarbeiten gibt.
Als sich dieses Jahr der Erste Weltkrieg gejährt hat, war das hier ein verhältnismäßig großes Ereignis. Im englischen Bewusstsein trauert man darum, dass im Ersten Weltkrieg völlig grundlos so grausam gekämpft wurde. Der Zweite Weltkrieg tritt dagegen in den Hintergrund. Allgemein wird er im Vergleich als viel eher gerechtfertigt empfunden. England wurde schließlich zu Unrecht angegriffen und hat sich nur gegen Deutschland verteidigt. Welch großes völkerrechtliches Verbrechen hinter der Ideologie der Nazis steckte, was zu dieser Zeit abgesehen vom Krieg in ganz Europa nicht nur in den KZs passiert ist, und warum auch England sich mitschuldig gemacht hat, allein, weil es nichts gegen diese Verbrechen an der Menschlichkeit unternommen hat, dessen ist man sich hier nicht bewusst.

Stolz darauf, aus Deutschland zu stammen – das kann ich nur dann wirklich sein, wenn die Vergangenheit Deutschlands und Englands auch hier vollständig bearbeitet ist.

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Froh zu sein bedarf es wenig...

Nach einem halben Jahr in England möchte ich eines auf keinen Fall mehr missen: Höflichkeit.
Eines der deutschen Vorurteile, die tatsächlich auf die Engländer zutreffen: Ich treffe nur seeeeehr selten einen Engländer im Alltag, der sich nicht bemüht, freundlich und zuvorkommend zu sein.

Manchmal sind es Floskeln wie “I’m awfully sorry, but…”, die eine Bitte oder eine Absage einleitet, die nicht wie suggeriert Schuldgefühle beinhaltet, und deshalb streng genommen nicht ganz aufrichtig ist („Why do you say that you’re sorry, if you actually aren’t?“). Aber zumindest suggeriert sie Verständnis dafür, dass das Gesagte dem Gegenüber Unbehagen bereiten wird – und ist insofern höflich.

Durch Superlative wie „brilliant!“, „excellent!“, „fantastic!“ fühle ich mich in dem was ich gerade so großartig getan habe sehr gelobt (Ich hab doch nur ein Formular korrekt ausgefüllt…).

Komische Gefühle erzeugt bei mir allerdings noch immer die Bristol’sche Anrede: „… Mi Lovaa” (“my love”), die besonders in geschäftlichem Kontext begegnet (“It’s 3 Pound 15, mi lovaa!”), interessanterweise besonders wenn Sprecher und Hörer gegensätzlich geschlechtlich sind. :oD

Trotzdem: Ein weiteres Beispiel ist das Ansprechen Fremder. In Deutschland wird ja manchmal schon ein freundliches beiläufiges Wort als Verletzung der Intimsphäre gedeutet. An einen sonnigen Platz im Park sitzend finde ich es doch schön, wenn der Vorbeikommende „Ahh! Are you enjoying the sunshine?“ fragt. Oder wenn sich im Baumarkt (beim Kauf eines Rasenmähers) ein nettes leichtes Gespräch über das richtige Wetter zum Rasenmähen entspinnt.

Insgesamt frage ich mich: Warum hat eigentlich nicht auch in Deutschland ein bisschen mehr Heiterkeit Platz im Alltag?

Führt das bedingungslose Entspannen und entspannt Halten der Gesichtsmuskeln etwa zu einem zufriedeneren Leben?

Das zueinander freundlich sein schafft eine allgemein positivere Lebens- und Arbeitsatmosphäre. Es macht einfach mehr Spaß, zur Arbeit oder einkaufen oder spazieren zu gehen.

Natürlich lässt sich die Frage nach der Ehrlichkeit stellen. Und Höflichkeit kommt dann an ihre Grenzen, wenn sie Menschen davon abhält, einander konstruktiv zu kritisieren, weil sich der Ärger dann anderweitig Luft macht. So bleibt so mancher Kirchenvorsteher dem Nachbarpfarrer gegenüber heiter und chatty, in der Sitzung macht er sich dann aber Luft darüber, wie enttäuschend er die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden empfindet. Ich weigere mich, in solcher Weise zum Vermittler zu werden, und arbeite meinerseits daran, ehrlich zu sein: „Sags dem xy halt einfach!“ Kritik kann auch höflich sein!

Aber gut, da sind die Engländer vermutlich nicht viel anders als die Deutschen...

Und, um wieviel Lächeln hast du deine Welt heute fröhlicher gemacht?

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Dienstag, 29. Juli 2014

Der Gazakrieg in Bristol

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Einmal mehr sind Israel und Palästina in aller Munde. Einmal mehr schütteln Menschen ihre Köpfe, zucken resigniert die Achseln angesichts der Kriegsbilder in den Nachrichten.

Aber gibt es einen Unterschied zwischen Reaktionen in Deutschland und in England?
Ich glaube schon.

Ich hätte ja nicht gedacht, dass der Nahostkonflikt hier in England überhaupt emotional aufgenommen wird.
Traditionell ist er ja ein Thema, das damit in diversen Gottesdiensten immer wieder Anlass zu Gebeten gibt. So auch in St. Anne’s.

Trotzdem ist mir der christlich unaufgeklärte Standpunkt, dass von „Israel“ in der Bibel ja sehr häufig die Rede ist, und dass die Israelis als das erwählte Volk deshalb von uns Christen unterstützt werden müssten, zum Glück nur indirekt begegnet.

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Im Gegenteil empfinde ich die Stimmung hier sehr viel propalästinensischer als in Deutschland.
Im BBC werden (mehr noch als in der ARD!) die schockierenden Bilder von toten Kindern ausgebreitet und die Opfer melodramatisch geradezu zur Schau gestellt.

Trotzdem (oder gerade weil sie diese „Ausrede“ hätten), gibt es einen großen Teil v.a. junger Bristoler, die die BBC anklagen, einseitig zu berichten. Man stelle die Palästinenser im Gazastreifen als Terroristen dar, die im besten Falle selbst schuld an dem Bombardement Israels sind. Man müsse die Palästinenser doch aufgrund ihrer Geschichte verstehen. Und gerade diese werde in den Medien verschwiegen, genauso wie die aktuelle Situation der Palästinenser: People don’t even understand that it’s a military occupation that Palestinians are subject to. They don’t know about the economic blockade, they don’t know about the consequences of that on Palestinian life.” (so Greg Philo, Professor of Communications and Social Change at Glasgow University auf //www.palestinecampaign.org)

Von einem Volk, das in einer der unfruchtbarsten Gegenden der Welt zusammengepfercht, eingesperrt und von der Versorgung mit Wasser, Strom und Essen abgeschnitten wird, könne man ja nichts anderes erwarten, als Protest.

Dies verschweige die BBC. Sie berichte einseitig, denn sie wolle vermutlich vermeiden, von Israel angeklagt zu werden.

Es gibt einige Demonstranten, die deshalb das BBC Hauptquartier in Bristol seit ca. einer Woche mit Zelten belagern. Mir drängt sich der Verdacht auf, irgendwann geht es dann doch nur noch in zweiter Linie um die Sache selbst. Dann steht das Gemeinschaftsgefühl im Vordergrund. Eine kuriose Gruppe von Menschen, bestehend aus Linken, Moslems und dem ein oder anderen Antisemiten, hat plötzlich ein gemeinsames Ziel: nämlich den Protest.

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Ich selbst versuche mich sehr zurückzuhalten.

Ich lese die Plakate: “Free Palestine!” Und ich stelle mir die Frage was dieser Slogan, der sich so sehr nach Freiheit anhört, eigentlich bedeutet. Ist das denn eine unbedenkliche Botschaft? Ein Ziel, das langfristig zum Frieden führen wird?

Montag, 21. Juli 2014

Zuhause

WP_20140721_16_12_42_SmartIch habe eine Decke in meinem Garten ausgebreitet, um gemütlich die englische Sonne genießend eine Beerdigungsansprache zu schreiben. Dabei möchte ich über das „Zuhause“ sprechen – das die Verstorbene jetzt bei Gott findet.

WP_20140721_16_19_21_SmartIch frage mich, was wohl mein Zuhause ist, während ich in meinen Garten schaue. Carla hat im letzten Tea Service vom Unkraut im Gleichnis vom Sämann gesprochen (Mt 13,3-9.18-23 für die Interessierten). Zu Illustrationszwecken hat sie eine Handvoll Grünzeug hochgehalten. Wenn ich mich dran erinnere, erstaunt es mich, dass solch bedeutungsschweres Grünzeug so üppig in meinem Garten wächst. Da macht sich gleich ein angenehmes Gefühl von Gelassenheit in mir breit.

Solchermaßen heiter gestimmt drehe ich mich lieber auf den Rücken und schaue in die Wolken. Ein ausgesprochen bayrischer Himmel! Zwei Vögel fliegen da schräg voreinander, nutzen den Windschatten des anderen aus. *seufz*

Ich höre gedämpfte Stimmen aus dem Nachbargarten und lache ein bisschen, als ich wie schon viele hundert Male davor ein Bellen und Bobs verärgertes „Alfi!“ höre. Ich empfinde eine unausgesprochene tiefe verbindende Gemeinschaft mit diesen Engländern.

Zuhause – was könnte das anderes sein als das Gefühl unendlicher Geborgenheit und Dankbarkeit?

Donnerstag, 19. Juni 2014

Wachstum

Was macht eine Kirche, wenn sie Angst hat, auszusterben? Sie trifft Entscheidungen. Was soll die Zielgruppe sein? Und dann versucht sie, sich attraktiv zu machen.

Die Diözese Bristol hat eine Entscheidung getroffen: Um in der Zukunft noch zu existieren, will sie die jungen Leute erreichen. Und sie hat ihre Strategie ganz darauf ausgerichtet. Die Webseite erscheint modern und ansprechend - und es gibt ein stylisches Video, das die Diözese vorstellen soll. Schau's dir an, ich finds echt superspannend:

//www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=4397OxuIdqc

Die Diözese verspricht: Kirche ist nicht eine Sache der Alten! Ein ambitioniertes Versprechen! So sind in dem Video Schlagworte wie "sensing a change", "Growing in numbers" unterlegt mit Bildern von alten Menschen und von Kirche wie sie traditionell mal war.

Und noch eine Frage stellt das Video: Ist Kirche ein Unternehmen, das ein Produkt verkauft? Das in Konkurrenz zu anderen Anbietern steht und auf eine möglichst positive Außenwirkung bedacht sein soll? Um ehrlich zu sein haben das, was da vorgestellt wird, und das, was ich in St Anne's erlebe, nicht sehr viel miteinander zu tun. Statt Wachstum hat die Gemeinde in den letzten Jahren Mitglieder verloren (durch Tod an Altersschwäche...). Und in den vier Kirchen meiner partnership wird auf lange Sicht eine ganze Pfarrstelle gestrichen werden.
Klar ist Wachstum wünschenswert. Aber es ist weit davon entfernt, in dem Maße Realität zu sein wie die Diözese suggeriert.

Und die Gemeindeglieder in St Anne's? Viele von ihnen haben keinen Internetzugang, wollen gar nicht, dass sich alles verändert und fühlen sich von der neuen "jungen" Strategie der Diözese abgehängt.

Wir haben seit Jahren ein Loch in der Decke im Gemeindesaal, Feuchtigkeit in den Wänden und Schimmel in der Sakristei. Manche andere Gemeinden im Zentrum, die scheinbar jung und frisch sind, werden von Dekanat und Diözese finanziell ordentlich unterstützt, um sich ansprechend renovieren zu können.
Manche meiner Gemeinde haben den Eindruck bekommen, dass wir der Kirche im Vergleich egal sind, dass sie sogar vielleicht ganz froh ist, wenn St Anne's zugesperrt wird.
Ich glaube nicht, dass das stimmt, aber verstehen kann ich die Befürchtungen mittlerweile.

Neben "growing in numbers" steht in dem Video "growing in commitment", und ich bin überzeugt, dass diesem Teilsatz eine zentrale Bedeutung zukommt. Ich hab gestern mit meinem Noch-Dekan Mat ein wirklich tolles Gespräch darüber geführt, wie schade es doch ist, dass er nur an zweiter Stelle steht. Menschen in die Kirche bringen - ja, aber wozu? Wenn es uns so verzweifelt darum geht, nicht zahlenmäßig in der Versenkung zu verschwinden, ist die Gefahr groß zu vergessen, wer wir sind! Gutes tun für Obdachlose, Kranke Alte - es ist so wichtig, aber das machen auch andere Organisationen. Hüpfburgen und Kinderschminken - das zieht Leute aus der Umgebung an, aber es zeigt noch nicht wer wir sind!

"We are very good at doing good, but we are not good at doing God!"

Die Beziehung zu Gott zu stärken, das finde ich das allererste Ziel für die Zukunft. Und das bedeutet erstmal, mit den Menschen zu arbeiten, die schon da sind. Wie können wir aus dem Glauben leben?

Wenn Kirche eine GLAUBENSgemeinschaft ist, dann handelt sie, weil sie einen Grund hat! Das passiert in St. Anne's. Diese Menschen haben etwas zu sagen - und etwas zu geben. Und das wird eine viel größere Außenwirkung haben als so manche kommerzialisierte Wachstumsstrategie. Deshalb bin ich so gerne mit diesen Menschen zusammen. Und deshalb macht es mir solchen Spaß hier!

Samstag, 24. Mai 2014

Die Notlösung

Wenn sich Christen als Teil des Leibes Christi verstehen, wie kann es dann mehrere Kirchen geben? Wie können sich Glieder dieses Liebes Christi über das Wesen des Leibes an sich uneinig sein? Es gibt doch nur einen Christus!

Dieses Problem kann man nicht so einfach lösen. Im Gegenteil. Die meisten Konfessionsgründer wollten gerade eine Kirchenspaltung unbedingt vermeiden. So Jesus selbst, Martin Luther, John Wesley, der in Bristol den Methodismus gegründet hat, und viele andere.

Da es nun aber passiert ist, und immer weiter passiert, dass Christen sich uneinig sind und lieber eine eigene Gemeinschaft bilden, braucht es eine Notlösung: die Ökumene.

Die Notlösung besteht im Grundanliegen der meisten Kirchen, ökumenischen Dialog zu pflegen (Was macht uns anders?) und Gemeinschaft mit anderen Kirchen zu haben und zu vertiefen (Was können wir wenigstens an Gemeinsamkeiten finden und pflegen?).
Dieses Bedürfnis nach Ökumene ist der Grund warum ich überhaupt hier bin.

Gerade in England, gerade in Bristol ist Ökumene ein Riesenthema. Einerseits weil Bristol so multikulturell und damit auch multireligiös ist. Die verschiedenen Konfessionen sind per Einwanderung nun mal da. Jetzt muss man damit umgehen. Andererseits bildet sich gerade angesichts einer Gesellschaft, die kirchliche Vereinigungen an sich derart kritisch beurteilt unter der Minderheit der Gläubigen erst recht ein Wir-Gefühl – „Wir Christen müssen doch zusammenhalten!“

Trotzdem habe ich gerade hier das Gefühl, dass ökumenische Bemühungen, so sehr sie auch erfolgreich sein mögen, immer etwas Unbefriedigendes an sich haben.

Die Grenzen der Glaubens-Geschwisterschaft sind allzu greifbar.

Ökumenischer Worship Gottesdienst bei The Noise

„The Noise“ z.B. war ein tolles Projekt, bei dem Christen aus Easton (meinem Stadtteil) zusammen jede Menge Sachen auf die Beine gestellt haben: Einen Family-Fun-Afternoon mit Hüpfburg, Kinderschminken und vielem mehr, gemeinsame Gartenarbeit, einen Cream-Tea für die ältere Generation und so vieles mehr. Das ganze unter dem Motto: „Showing God’s love in practical ways“ – eine rundum tolle Sache! Practical ways – anpacken können alle Christen zusammen. Und das hat der Region so sehr gut getan. Dazwischen wurde immer wieder gemeinsam gebetet, und es ist wirklich ein überwältigendes Gefühl, zu erleben, wie das Gebet Grenzen überwindet. - Aber bitte möge bloß keiner theologisch zu diskutieren anfangen! Denn dann würde das ganze Gemeinschaftsgefühl gezwungenermaßen bröckeln.

Der Pfarrer der indischen Mar Thoma-Gemeinde und ich nach einem gemeinsamen Gottesdienst in unserer Kirche.Die indischen Mar Thoma-Christen, die sich in St. Anne’s treffen, sind ziemlich interessiert an uns, und ich habe Zusammenarbeit als sehr freundschaftlich und hilfsbereit erlebt. Als ich beim Gottesdienst allerdings mit zelebrieren sollte, war mir das so gut wie nicht möglich – es ist so anders! Und was die Verehrung des Heiligen Thomas als Kirchengründer angeht – lieber nicht theologisch einsteigen und diskutieren, das könnte alles kaputtmachen!

Was ist das mit der Ökumene? Die Erklärung, dass ja alle dasselbe glauben, nur die Frömmigkeitspraxis anders ist, überzeugt mich auf den zweiten Blick überhaupt nicht. Es gibt fundamentale theologische Unterschiede, die sich nicht leugnen lassen! Und dabei geht es noch gar nicht um interreligiöse Ökumene!

Philip, mein Kollege aus dem „Easton Christian Family Centre“, mit dem ich viel teile und diskutiere, erklärt es so: Mitglieder mehrerer Kirchen arbeiten praktisch zusammen. Wir versuchen, der Gesellschaft zu helfen. Dadurch laden wir Menschen ein, nach dem Grund unseres Handelns zu fragen. Dann werden wir erklären, dass wir Christen sind, und dass Christus uns zur Liebe ruft. Das ist die Ebene, die alle Christen teilen können (vermutlich). Wenn der Fragende dann weiterfragt, muss er sich entscheiden. Welche Konfession ist die richtige für ihn? Philip ist es ganz gleich, wie er sich entscheiden wird (ob anglikanisch, methodistisch, baptistisch oder anders freikirchlich), Hauptsache eine „neuer Christ“ ist geboren.

Es klingt in sich stimmig. Aber wenn ich höre, wie manche Kirchen hier z.B. die Bibel als wörtliches Geschichtsbuch verstehen, unkritisch die Gebote zu befolgen versuchen, Homosexualität beurteilen etc. kann ich mich kaum wehren zu denken: „Nein, ihr irrt euch!“ Und dann will ich der ganzen Welt sagen: „Es gibt nur eine Kirche, und die sollte lutherisch sein!“ - Und dahin ist die ganze Ökumene! Und ich weiß, irgendwo muss mein Denkfehler liegen. Nur wo?

Freitag, 16. Mai 2014

The English Tea

„Would you like any tea or coffee?“ – diese Frage ist in meinen Ohren schon fast liturgisch – gehört sie doch an das Ende eines jeden Sonntagsgottesdienstes in St. Anne’s. Der englische Tee – er ist es absolut wert, heute einen Blog drüber zu schreiben.

Diese Form, nämlich der traditional Cream Tea, bei dem Scones (eine Art Rosinenbrötchen ohne Rosinen) zusammen mit sehr fetter clodded cream und Erdbeermarmelade in gediegener Art und Weise serviert werden, ist mir auch schon begegnet – aber es ist doch eher was für alte Menschen:

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Meistens ist die Einnahme des Tees, der wirklich IMMER mit Milch getrunken wird, eine ganz bodenständige Angelegenheit. Und es passiert seeeehr oft.

Wenn jemand zu Besuch kommt, bietet man ihm Tee an – egal zu welcher Tageszeit! Ich muss zugeben, dass ich mich schon sehr British gefühlt habe, als Freda beim Besuch in meinem Empfangszimmer meinte: „You make a nice cuppa tea.“

Man kann übrigens auch einfach Cuppa sagen, eine meiner Lieblingsabkürzungen.

Beim geselligen Zusammensein gehört Tee einfach dazu. Sogar als gestern die Dekanatssynode getagt hat, gab es um halb neun abends eine Teepause.

Schön finde ich auch, dass wir einmal im Monat einen Tea Service feiern – einen Gottesdienst am Nachmittag, der mit dem anschließenden Tee wirbt –, und keiner außer mir scheint den Namen lustig zu finden.

Es ist nicht nur ein Gerücht – der englische Tee schmeckt wirklich anders als der deutsche. Er ist von Haus aus viel stärker, selbst der billige. Wahrscheinlich liegts daran, dass man trotz Milch noch den Tee schmecken soll.

Normalerweise gibt es zum Tea Kekse, die sind meistens auch besser als Kekse, die man im deutschen Supermarkt kaufen kann. Und manchmal hab ich großes Glück und bekomm zum Tee dazu was Selbstgemachtes – am besten sind natürlich Brownies mit flüssiger Sahne. :o)
Tea is everywhere – eine der angenehmeren Eigenheiten der Engländer.

Wenn ich am Abend den Haufen der heute gebrauchten Teebeutel in der Küche sehe, muss ich ein bisschen grinsen. Ich liebe England!

Mittwoch, 14. Mai 2014

Beitrag in the Diocesan News

Wen der Artikel interessiert:

//www.bristol.anglican.org/2014/eastville-welcomes-lutheran-minister-from-germany/

Hier gibt es auch viele Fotos zum Anschauen (Photos on Facebook).

Freitag, 25. April 2014

Die sterbende Kirche

Heute drängt es mich, über ein Thema zu schreiben, dass mich ziemlich traurig macht.

Ich habe den Eindruck ich bin in einer Zeit der Krise in die Church of England entsandt worden. Die Kirche steht gerade vor der Aufgabe, sich selbst völlig neu zu definieren.

Anglikanismus – der gehört zu England dazu. Und zwar zur nationalen Identität! Stolz ist man, dass die knapp 500 Jahre alte Abspaltung von Rom die traditionelle Eigenständigkeit der Engländer beweist. So gibt die Mehrheit der im Krankenhaus nach ihrer Religion gefragten Engländer Church of England an. David Cameron wird in den „Church Times“ zitiert: „Wir sollten selbstbewusster zu unserem Status als ein christliches Land stehen“.

Kirche – die hat in England keine Bedeutung mehr. Gleichzeitig haben unsere Gemeinden nur 35, im Ausnahmefall 80 eingeschriebene Mitglieder. Denn die nationalen Wurzeln ändern nichts daran, dass die große Mehrheit der nach eigener Aussage „christlichen“ Engländer seit der eigenen Taufe keine Kirche mehr von innen gesehen hat.

Die Familie, die ich gestern zum Trauergespräch besucht habe, gab auf die Frage, welchen Bibeltext sie sich für die Beerdigung des Opas wünschen würden, zu, selbst die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus nicht zu kennen.

Für die Kirche hat das weitreichende Konsequenzen, die ihr selbst manchmal nicht ganz klar sind.

So hat die Diskussion um die Zukunft der Pfarrstellen, die in der Diözese emotional geführt wird, eine ganz andere Qualität als in Bayern: Im Raum steht ganz ernsthaft die Frage, ob in Zukunft vielleicht kein Geld mehr da sein wird um überhaupt irgendeinen Pfarrer bezahlen zu können.

10153709_753535097999241_6414000645132871827_nAm Gründonnerstag war in der Kathedrale von Bristol ein großer Gottesdienst explizit für alle Pfarrer der Diözese. Beide Bischöfe waren da, die gesamte übrige kirchliche Obrigkeit, ca. 80 gewandete Pfarrer (alle in weiß nur ich in schwarz mittendrin…) und eine große Gemeinde. Das Ganze gab ein beeindruckendes Bild im Kreuzgewölbe der Kathedrale. Ein gewaltiges Wir-Gefühl, eine Demonstration von Stärke!
Und in diesem Kontext hat Bishop Lee in der Predigt bildhafte Worte gefunden, die den Nagel nicht besser auf den Kopf hätten treffen können: Die Anglikanische Kirche steht auf einem Podest, das an den Rändern brennt und in der Mitte Feuer gefangen hat.
Eine Analyse, die die geballte selbstbewusste Präsenz der in diesem Gottesdienst versammelten Kirche schonungslos als Trugbild entlarvt.

Statt sich im Ruhm vergangener Tage zu sonnen muss sich die Kirche die Frage stellen: Wie kann sie, die ja rein juristisch noch immer Staatskirche ist (!) damit umgehen, dass sie gesellschaftlich de facto schon längst in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht ist?

Und ich? Mir wird immer klarer, wie vergleichsweise banal eigentlich die Probleme sind, über die wir uns in Bayern ärgern. Und ich frage mich: Sind die Fragen, anhand derer die Church of England sich grundsätzlich neu durchdenken muss, nicht die Zukunft auch der bayrischen Kirche? Wie lange wird es dauern, bis auch für Bayern gilt:
Kirche - die gehört zur Geschichte dazu - aber im Leben hat sie keine Bedeutung mehr!

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Zuletzt aktualisiert: 15. Sep, 20:56

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