Samstag, 24. Mai 2014

Die Notlösung

Wenn sich Christen als Teil des Leibes Christi verstehen, wie kann es dann mehrere Kirchen geben? Wie können sich Glieder dieses Liebes Christi über das Wesen des Leibes an sich uneinig sein? Es gibt doch nur einen Christus!

Dieses Problem kann man nicht so einfach lösen. Im Gegenteil. Die meisten Konfessionsgründer wollten gerade eine Kirchenspaltung unbedingt vermeiden. So Jesus selbst, Martin Luther, John Wesley, der in Bristol den Methodismus gegründet hat, und viele andere.

Da es nun aber passiert ist, und immer weiter passiert, dass Christen sich uneinig sind und lieber eine eigene Gemeinschaft bilden, braucht es eine Notlösung: die Ökumene.

Die Notlösung besteht im Grundanliegen der meisten Kirchen, ökumenischen Dialog zu pflegen (Was macht uns anders?) und Gemeinschaft mit anderen Kirchen zu haben und zu vertiefen (Was können wir wenigstens an Gemeinsamkeiten finden und pflegen?).
Dieses Bedürfnis nach Ökumene ist der Grund warum ich überhaupt hier bin.

Gerade in England, gerade in Bristol ist Ökumene ein Riesenthema. Einerseits weil Bristol so multikulturell und damit auch multireligiös ist. Die verschiedenen Konfessionen sind per Einwanderung nun mal da. Jetzt muss man damit umgehen. Andererseits bildet sich gerade angesichts einer Gesellschaft, die kirchliche Vereinigungen an sich derart kritisch beurteilt unter der Minderheit der Gläubigen erst recht ein Wir-Gefühl – „Wir Christen müssen doch zusammenhalten!“

Trotzdem habe ich gerade hier das Gefühl, dass ökumenische Bemühungen, so sehr sie auch erfolgreich sein mögen, immer etwas Unbefriedigendes an sich haben.

Die Grenzen der Glaubens-Geschwisterschaft sind allzu greifbar.

Ökumenischer Worship Gottesdienst bei The Noise

„The Noise“ z.B. war ein tolles Projekt, bei dem Christen aus Easton (meinem Stadtteil) zusammen jede Menge Sachen auf die Beine gestellt haben: Einen Family-Fun-Afternoon mit Hüpfburg, Kinderschminken und vielem mehr, gemeinsame Gartenarbeit, einen Cream-Tea für die ältere Generation und so vieles mehr. Das ganze unter dem Motto: „Showing God’s love in practical ways“ – eine rundum tolle Sache! Practical ways – anpacken können alle Christen zusammen. Und das hat der Region so sehr gut getan. Dazwischen wurde immer wieder gemeinsam gebetet, und es ist wirklich ein überwältigendes Gefühl, zu erleben, wie das Gebet Grenzen überwindet. - Aber bitte möge bloß keiner theologisch zu diskutieren anfangen! Denn dann würde das ganze Gemeinschaftsgefühl gezwungenermaßen bröckeln.

Der Pfarrer der indischen Mar Thoma-Gemeinde und ich nach einem gemeinsamen Gottesdienst in unserer Kirche.Die indischen Mar Thoma-Christen, die sich in St. Anne’s treffen, sind ziemlich interessiert an uns, und ich habe Zusammenarbeit als sehr freundschaftlich und hilfsbereit erlebt. Als ich beim Gottesdienst allerdings mit zelebrieren sollte, war mir das so gut wie nicht möglich – es ist so anders! Und was die Verehrung des Heiligen Thomas als Kirchengründer angeht – lieber nicht theologisch einsteigen und diskutieren, das könnte alles kaputtmachen!

Was ist das mit der Ökumene? Die Erklärung, dass ja alle dasselbe glauben, nur die Frömmigkeitspraxis anders ist, überzeugt mich auf den zweiten Blick überhaupt nicht. Es gibt fundamentale theologische Unterschiede, die sich nicht leugnen lassen! Und dabei geht es noch gar nicht um interreligiöse Ökumene!

Philip, mein Kollege aus dem „Easton Christian Family Centre“, mit dem ich viel teile und diskutiere, erklärt es so: Mitglieder mehrerer Kirchen arbeiten praktisch zusammen. Wir versuchen, der Gesellschaft zu helfen. Dadurch laden wir Menschen ein, nach dem Grund unseres Handelns zu fragen. Dann werden wir erklären, dass wir Christen sind, und dass Christus uns zur Liebe ruft. Das ist die Ebene, die alle Christen teilen können (vermutlich). Wenn der Fragende dann weiterfragt, muss er sich entscheiden. Welche Konfession ist die richtige für ihn? Philip ist es ganz gleich, wie er sich entscheiden wird (ob anglikanisch, methodistisch, baptistisch oder anders freikirchlich), Hauptsache eine „neuer Christ“ ist geboren.

Es klingt in sich stimmig. Aber wenn ich höre, wie manche Kirchen hier z.B. die Bibel als wörtliches Geschichtsbuch verstehen, unkritisch die Gebote zu befolgen versuchen, Homosexualität beurteilen etc. kann ich mich kaum wehren zu denken: „Nein, ihr irrt euch!“ Und dann will ich der ganzen Welt sagen: „Es gibt nur eine Kirche, und die sollte lutherisch sein!“ - Und dahin ist die ganze Ökumene! Und ich weiß, irgendwo muss mein Denkfehler liegen. Nur wo?

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