Die sterbende Kirche

Heute drängt es mich, über ein Thema zu schreiben, dass mich ziemlich traurig macht.

Ich habe den Eindruck ich bin in einer Zeit der Krise in die Church of England entsandt worden. Die Kirche steht gerade vor der Aufgabe, sich selbst völlig neu zu definieren.

Anglikanismus – der gehört zu England dazu. Und zwar zur nationalen Identität! Stolz ist man, dass die knapp 500 Jahre alte Abspaltung von Rom die traditionelle Eigenständigkeit der Engländer beweist. So gibt die Mehrheit der im Krankenhaus nach ihrer Religion gefragten Engländer Church of England an. David Cameron wird in den „Church Times“ zitiert: „Wir sollten selbstbewusster zu unserem Status als ein christliches Land stehen“.

Kirche – die hat in England keine Bedeutung mehr. Gleichzeitig haben unsere Gemeinden nur 35, im Ausnahmefall 80 eingeschriebene Mitglieder. Denn die nationalen Wurzeln ändern nichts daran, dass die große Mehrheit der nach eigener Aussage „christlichen“ Engländer seit der eigenen Taufe keine Kirche mehr von innen gesehen hat.

Die Familie, die ich gestern zum Trauergespräch besucht habe, gab auf die Frage, welchen Bibeltext sie sich für die Beerdigung des Opas wünschen würden, zu, selbst die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus nicht zu kennen.

Für die Kirche hat das weitreichende Konsequenzen, die ihr selbst manchmal nicht ganz klar sind.

So hat die Diskussion um die Zukunft der Pfarrstellen, die in der Diözese emotional geführt wird, eine ganz andere Qualität als in Bayern: Im Raum steht ganz ernsthaft die Frage, ob in Zukunft vielleicht kein Geld mehr da sein wird um überhaupt irgendeinen Pfarrer bezahlen zu können.

10153709_753535097999241_6414000645132871827_nAm Gründonnerstag war in der Kathedrale von Bristol ein großer Gottesdienst explizit für alle Pfarrer der Diözese. Beide Bischöfe waren da, die gesamte übrige kirchliche Obrigkeit, ca. 80 gewandete Pfarrer (alle in weiß nur ich in schwarz mittendrin…) und eine große Gemeinde. Das Ganze gab ein beeindruckendes Bild im Kreuzgewölbe der Kathedrale. Ein gewaltiges Wir-Gefühl, eine Demonstration von Stärke!
Und in diesem Kontext hat Bishop Lee in der Predigt bildhafte Worte gefunden, die den Nagel nicht besser auf den Kopf hätten treffen können: Die Anglikanische Kirche steht auf einem Podest, das an den Rändern brennt und in der Mitte Feuer gefangen hat.
Eine Analyse, die die geballte selbstbewusste Präsenz der in diesem Gottesdienst versammelten Kirche schonungslos als Trugbild entlarvt.

Statt sich im Ruhm vergangener Tage zu sonnen muss sich die Kirche die Frage stellen: Wie kann sie, die ja rein juristisch noch immer Staatskirche ist (!) damit umgehen, dass sie gesellschaftlich de facto schon längst in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht ist?

Und ich? Mir wird immer klarer, wie vergleichsweise banal eigentlich die Probleme sind, über die wir uns in Bayern ärgern. Und ich frage mich: Sind die Fragen, anhand derer die Church of England sich grundsätzlich neu durchdenken muss, nicht die Zukunft auch der bayrischen Kirche? Wie lange wird es dauern, bis auch für Bayern gilt:
Kirche - die gehört zur Geschichte dazu - aber im Leben hat sie keine Bedeutung mehr!

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papamichael - 28. Apr, 21:07

Hoffnung

Das gilt vielleicht für die katholische Kirche in Bayern, aber nicht für die Evangelische mit Leuten wie Dir und solchen wie ich in Petershausen oder Kemmoden kennengelernt habe. DIESE Kirche lebt und die in Bristol lebt doch auch von innen heraus bei den Menschen, die ich dort kennenlernen durfte

irisiris - 30. Apr, 17:12

Ich denke, diesen Punkt haben wir hier in Deutschland schon erreicht! Vielleicht ist es in Bayern noch etwas besser als in anderen Bundesländern, aber es ist "5 vor 12". Welche Rolle spielt denn die Kirche noch im täglichen Leben?
Am Sonntag ist hier Erstkommunion, da ist die Bude voll! Und sonst? Gesten habe ich 7 ältere Frauen und 2 Männer gezählt. Das ist unter der Woche so der Schnitt.
Taufe, Hochzeit, Beerdigung, da braucht man die Kirche. Aber das Leben findet dazwischen statt. Die Kirche beweihräuchert sich selbst und merkt gar nicht, dass sie immer mehr in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Schade! Sie hätte so viel mehr zu geben!

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