Montag, 15. September 2014

die deutsche Vergangenheit

Es ist schon seltsam wie unerwartet sich manche Dinge im Ausland verändern.

Wenn es Menschen gibt, die „stolz“ sind, „ein Deutscher zu sein“, dann habe ich garantiert nie dazu gehört. Mit der Begründung man könne nicht auf etwas stolz sein, dass mit der eigenen Leistung gar nichts zu tun hat.

Nie hätte ich gedacht, dass ich mal Saft vor dem trinken umdrehen würde, nur um mich bestätigt zu wissen, dass Sunkist eigentlich deutsch ist, und selbiges anschließend stolz zu verkünden. Dass ich von deutscher Hausbauweise, dem deutschen Sozialsystem, ja, sogar von deutschen Autos mit angeschwellter Brust erzählen würde.

Als WIR die Fußballweltmeisterschaft gewonnen haben, hab ich mich zum ersten Mal richtig isoliert gefühlt.

Und trotzdem bleibt da a Gschmäckle. Wenn der Erzbischof von Canterbury (den ich vorgestern getroffen habe) von seinem Schwerpunkt der Versöhnung v.a. mit Deutschland erzählt, kann ich nicht anders als mich ein bisschen komisch zu fühlen.

Die Einwohner Bristols reden vom „Blitz“, wenn sie die großflächige Zerstörung Bristols zwischen dem 24. November 1940 und dem 11. April 1941 meinen. Noch heute sind die Spuren zu sehen, z.B. in einer ausgebombten Kirche nahe des Stadtzentrums, die nach jahrelanger Debatte als Mahnmahl belassen wurde. Noch heute gibt es die Betroffenen und Angehörige derselben – Menschen, die mit Deutschland Krieg verbinden.

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Vor einiger Zeit habe ich bei einer Gemeindeveranstaltung eine alte Frau getroffen, die mir zuerst voller Begeisterung erzählt hat, dass sie Deutsche sei, sich danach als kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs nach GB geflüchtete Jüdin entpuppte.

Bei einer anderen, sehr skurrilen Begegnung mit einem Mann, der mir an der Haustür irgendwas verkaufen wollte reagierte selbiger auf die Info, dass ich deutsch sei damit, fröhlich und lautstark die erste Strophe der Nationalhymne zu trällern. Nachdem ich die Straße hoch- und runtergeschaut hatte, war meine erschreckte Antwort: „You better NEVER sing THAT in Germany!“

Versöhnung mit Deutschland –eine Aufgabe, die ich entgegen meiner Erwartungen für notwendig halte! Und zwar nicht, weil ich Deutschland als schuldig empfinden würde! Sondern weil ich den Eindruck habe, dass es auf englischer Seite noch etwas aufzuarbeiten gibt.
Als sich dieses Jahr der Erste Weltkrieg gejährt hat, war das hier ein verhältnismäßig großes Ereignis. Im englischen Bewusstsein trauert man darum, dass im Ersten Weltkrieg völlig grundlos so grausam gekämpft wurde. Der Zweite Weltkrieg tritt dagegen in den Hintergrund. Allgemein wird er im Vergleich als viel eher gerechtfertigt empfunden. England wurde schließlich zu Unrecht angegriffen und hat sich nur gegen Deutschland verteidigt. Welch großes völkerrechtliches Verbrechen hinter der Ideologie der Nazis steckte, was zu dieser Zeit abgesehen vom Krieg in ganz Europa nicht nur in den KZs passiert ist, und warum auch England sich mitschuldig gemacht hat, allein, weil es nichts gegen diese Verbrechen an der Menschlichkeit unternommen hat, dessen ist man sich hier nicht bewusst.

Stolz darauf, aus Deutschland zu stammen – das kann ich nur dann wirklich sein, wenn die Vergangenheit Deutschlands und Englands auch hier vollständig bearbeitet ist.

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Froh zu sein bedarf es wenig...

Nach einem halben Jahr in England möchte ich eines auf keinen Fall mehr missen: Höflichkeit.
Eines der deutschen Vorurteile, die tatsächlich auf die Engländer zutreffen: Ich treffe nur seeeeehr selten einen Engländer im Alltag, der sich nicht bemüht, freundlich und zuvorkommend zu sein.

Manchmal sind es Floskeln wie “I’m awfully sorry, but…”, die eine Bitte oder eine Absage einleitet, die nicht wie suggeriert Schuldgefühle beinhaltet, und deshalb streng genommen nicht ganz aufrichtig ist („Why do you say that you’re sorry, if you actually aren’t?“). Aber zumindest suggeriert sie Verständnis dafür, dass das Gesagte dem Gegenüber Unbehagen bereiten wird – und ist insofern höflich.

Durch Superlative wie „brilliant!“, „excellent!“, „fantastic!“ fühle ich mich in dem was ich gerade so großartig getan habe sehr gelobt (Ich hab doch nur ein Formular korrekt ausgefüllt…).

Komische Gefühle erzeugt bei mir allerdings noch immer die Bristol’sche Anrede: „… Mi Lovaa” (“my love”), die besonders in geschäftlichem Kontext begegnet (“It’s 3 Pound 15, mi lovaa!”), interessanterweise besonders wenn Sprecher und Hörer gegensätzlich geschlechtlich sind. :oD

Trotzdem: Ein weiteres Beispiel ist das Ansprechen Fremder. In Deutschland wird ja manchmal schon ein freundliches beiläufiges Wort als Verletzung der Intimsphäre gedeutet. An einen sonnigen Platz im Park sitzend finde ich es doch schön, wenn der Vorbeikommende „Ahh! Are you enjoying the sunshine?“ fragt. Oder wenn sich im Baumarkt (beim Kauf eines Rasenmähers) ein nettes leichtes Gespräch über das richtige Wetter zum Rasenmähen entspinnt.

Insgesamt frage ich mich: Warum hat eigentlich nicht auch in Deutschland ein bisschen mehr Heiterkeit Platz im Alltag?

Führt das bedingungslose Entspannen und entspannt Halten der Gesichtsmuskeln etwa zu einem zufriedeneren Leben?

Das zueinander freundlich sein schafft eine allgemein positivere Lebens- und Arbeitsatmosphäre. Es macht einfach mehr Spaß, zur Arbeit oder einkaufen oder spazieren zu gehen.

Natürlich lässt sich die Frage nach der Ehrlichkeit stellen. Und Höflichkeit kommt dann an ihre Grenzen, wenn sie Menschen davon abhält, einander konstruktiv zu kritisieren, weil sich der Ärger dann anderweitig Luft macht. So bleibt so mancher Kirchenvorsteher dem Nachbarpfarrer gegenüber heiter und chatty, in der Sitzung macht er sich dann aber Luft darüber, wie enttäuschend er die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden empfindet. Ich weigere mich, in solcher Weise zum Vermittler zu werden, und arbeite meinerseits daran, ehrlich zu sein: „Sags dem xy halt einfach!“ Kritik kann auch höflich sein!

Aber gut, da sind die Engländer vermutlich nicht viel anders als die Deutschen...

Und, um wieviel Lächeln hast du deine Welt heute fröhlicher gemacht?

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Zuletzt aktualisiert: 15. Sep, 20:56

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